Sicher gibt es viele Menschen, die an dem eindrucksvollen Gebäude in der Karlsruher Riefstahlstraße (Nähe Mühlburger Tor) vorbei gehen, ohne zu ahnen, dass es sich dabei um ein Gefängnis handelt. Zu Beginn eines Konzertnachmittags in der Kapelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) erläuterte Gefängnisseelsorger Michael Drescher den Besucher*innen, dass dies kein Zufall sei: Der Großherzogliche Baudirektor und Architekt Dr. Josef Durm erhielt 1892 den Auftrag, „im Hardtwald einen Gefängnisneubau zu errichten, der in seinem Äußeren so gestaltet ist, dass derselbe sich nicht als Gefängnis, sondern als architektonisch schönes Bauwerk repräsentieren wird.“ So entstand in den Jahren 1894 bis 1898 am damaligen nord-westlichen Stadtrand in einer der schönsten Wohngegenden von Karlsruhe ein Bauwerk, das sich aufgrund seines schlossähnlichen Aussehens hervorragend der vornehmen Umgebung anpasste – ganz nach dem Vorbild des kurz zuvor erbauten neuen Untersuchungsgefängnisses in St. Petersburg.
Heute ist das Karlsruher Gefängnis mit ungefähr 120 Inhaftierten eine vergleichsweise kleine JVA: „Vom Hühnerdiebstahl bis zum Beziehungsmord sind hier alle Delikte vertreten“, berichtet Michael Drescher und erläutert den Besucher*innen auch den besonderen Status und den Alltag der Untersuchungsgefangenen, für die er als Gefängnisseelsorger tätig ist.
Eine besondere Herausforderung besteht in der Vielfalt der Sprachen der Inhaftierten. „Doch es gibt zwei Sprachen, von denen sich alle ansprechen lassen: Musik und bildende Kunst,“ so Pastoralreferent Drescher. Er hat daher in den letzten Jahren großen Wert auf eine ansprechende Gestaltung des Kapellenraums mit zeitgenössischer Kunst gelegt und stellte die Werke den Besucher*innen dieser außergewöhnlichen Veranstaltung vor: das „entwurzelte“ Altarkreuz von OMI Riesterer und Barbara Jäger, den Vater-Unser-Zyklus von Christel Holl, die stillende Maria aus Peru, die abnehmbaren Kreuzwegtafeln aus der ehemaligen Kapelle der St. Vincentius-Klinik und nicht zuletzt die Skulptur „No Exit“ von Tina Heuter, zu der er gemeinsam mit Inhaftierten ein ermutigendes Gebet formuliert hat.
Für die musikalische Sprache in der JVA ist seit nunmehr 38 Jahren Ralph Hammer zuständig. Er begleitet einerseits die sonntäglichen Gottesdienste in der Kapelle und leitet andererseits ein Chorprojekt, das bundesweit vorbildlich Ehrenamtliche und Inhaftierte zum gemeinsamen Singen zusammenbringt. „Wir schaffen für die Inhaftierten wie für die Vollzugsbeamten eine freundliche, aber auch sinnvolle Gegenwelt im belastenden Alltag“, so Ralph Hammer, der sich selbst launig als „Inventar der JVA“ bezeichnete und von Michael Drescher scherzhaft zum „1. Karlsruher Justizmusikdirektor“ ernannt wurde.
Die Anschaffung eines neuen hybriden E-Pianos, das das alte kaputte Klavier in der JVA-Kapelle ersetzt, war Anlass für Michael Drescher, einen Konzertnachmittag für Menschen aus zwei kirchlichen Kreisen zu organisieren, die seit Jahren die Arbeit der Gefängnisseelsorge ideell und finanziell unterstützen. „Als Bildungswerk St. Nikolaus haben wir vor Corona zwei Ausstellungen in der JVA-Kapelle besucht“, berichtet Dr. Christina Kundel-Winterwerber. „Der Älterntreff Herz Jesu pflegt seit einigen Jahren regelmäßig den Kontakt mit der Gefängnisseelsorge, denn die JVA liegt ja auf unserem Gemeindegebiet“, so Sybille Langer vom Gemeindeteam. Neben persönlichen Begegnungen gibt es auch regelmäßig finanzielle Unterstützung aus den Altpapiersammlungen in der Nordstadt.
Nun konnten die Besucher*innen Ralph Hammer am E-Piano und Bella Kublanova an der Querflöte lauschen, die Werke von Fauré, Chopin, Mozart und Bach in der besonderen Atmosphäre der Gefängniskapelle präsentierten. Dazwischen gab es immer wieder Informationen und Anekdoten von Ralph Hammer und Michael Drescher aus ihrer Arbeit an der JVA.
Am Ende der Veranstaltung bedankten sich Dr. Christina Kundel-Winterwerber und Sybille Langer bei Michael Drescher, Ralph Hammer und Bella Kublanova für den eindrucksvollen Nachmittag und übergaben das Spendenkörbchen der Konzertbesucher*innen und einen Scheck des Älterntreffs Herz Jesu für die weitere Arbeit der Gefängnisseelsorge. Und alle Beteiligten waren froh, dass sich danach das letzte Tor der JVA auf der richtigen Seite hinter ihnen schloss.
